In den letzten, sehr heißen Tagen ist mir eines wieder bewusst geworden: Die Perimenopause ist keine kurze Phase, die einfach nach einem Jahr wieder verschwindet. Sie ist ein längerer Übergang im Leben einer Frau – körperlich, emotional, neurologisch.
Grob spricht man von mehreren Phasen: einer frühen hormonellen Veränderungsphase, die teilweise schon Mitte bis Ende 30 beginnen kann, der eigentlichen Perimenopause, die oft um die 40 spürbarer wird und mehrere Jahre andauern kann, bis schließlich die Menopause eintritt. Danach beginnt die Postmenopause – und auch das ist wieder eine eigene Lebensphase. Der Körper verändert sich also nicht plötzlich an einem Tag, sondern über viele Jahre hinweg.
Warum ich meine Erfahrungen öffentlich teile
Ich bin ein sehr transparenter Mensch und genau das ist mir wichtig. Ich möchte Menschen nicht nur fertige Lösungen präsentieren. Natürlich wäre es einfacher zu sagen: „Ich habe das alles bereits durchlebt und weiß jetzt genau, wie es funktioniert.“ Aber ich glaube, dass etwas sehr Wertvolles darin liegt, Erkenntnisse direkt aus dem Erleben heraus zu teilen. Nicht aus der Distanz. Sondern mitten aus dem Prozess.
Denn wie du vielleicht schon aus meinen vorherigen Texten mitbekommen hast, ist die Perimenopause eine Phase voller Schwankungen. Gerade hormonell läuft vieles nicht linear. Mal scheint alles stabil, dann verändert sich wieder etwas. Neue Symptome tauchen auf, alte verstärken sich oder verschwinden plötzlich wieder. Und manchmal fühlt es sich ehrlich gesagt auch überfordernd an, weil man sich fragt: Was kommt denn jetzt noch dazu?
Aber ich werde nicht müde, Detektivin zu sein. In meinen Körper hineinzuhorchen. Fachberichte zu lesen. Mich mit anderen Frauen auszutauschen. Mit Ärzten, mit Selbsthilfegruppen, mit KI, mit Menschen, die ähnliche Wege gehen. Nicht, weil ich glaube, die eine perfekte Lösung zu finden – sondern weil ich überzeugt bin, dass Wissen verbindet und Orientierung geben kann.
Und natürlich wird jede Frau ihren eigenen Weg finden müssen. Aber wenn jemand vor dir bereits durch einen Teil dieses Dschungels gegangen ist, dann kann das unglaublich entlastend sein.
Ein Thema, das mich mein Leben lang begleitet: ADHS
Vor vielen Jahren habe ich bereits eine Diagnose erhalten. Und wahrscheinlich werden manche jetzt überrascht sein, wie „leicht“ das damals scheinbar ging, während heute viele Frauen jahrelang auf Diagnostik warten. Das Paradoxe war allerdings: Ich wollte diese Diagnose damals überhaupt nicht annehmen.
Für mich fühlte es sich an wie noch ein weiterer Stempel. Noch eine weitere Schublade. Ich hatte mich damals mit dem Begriff Hochsensibilität viel wohler gefühlt. Das erklärte für mich vieles und fühlte sich weicher an, menschlicher vielleicht.
Natürlich gab es trotzdem immer wieder Situationen im Leben, in denen ich gemerkt habe, dass da noch mehr dahintersteckt. Vor allem im Arbeitskontext. Konzentration. Fehler. Überforderung. Und vor allem der Umgang mit Fehlern.
Ich habe früh erlebt, wie hart unsere Gesellschaft mit Fehlern umgeht. Wie wenig Raum manche Systeme für Andersartigkeit lassen. Das war für mich ein schmerzhafter Prozess, weil ich immer dachte: Ich bin doch trotzdem ein wertvoller Mensch, auch wenn mir Fehler passieren.
Letztendlich führte mich genau das in die Selbstständigkeit. Rückblickend war das für mich ein riesiger Segen.
Warum Selbstständigkeit für mich ein Geschenk war
Finanziell ist Selbstständigkeit sicherlich nicht immer der einfachste Weg – gerade nicht für neurodivergente Menschen. Viele von uns passen nicht in klassische Strukturen und müssen deshalb erst herausfinden: Wie möchte ich eigentlich arbeiten? Wie kann Arbeit zu meinem Nervensystem passen?
Damals, kurz nach meinem Studium im Bereich Grafikdesign, hatte ich zwei feste Stellen hinter mir und merkte relativ schnell: Ich passe nicht in diese Systeme. Immer wieder gab es Reibung mit Hierarchien, mit Führungsstrukturen, mit starren Erwartungen.
Das stürzte mich damals in eine tiefe Krise. Denn plötzlich hatte ich meinen Traumberuf – und gleichzeitig das Gefühl, ihn gar nicht ausüben zu können.
Also stand ich vor der Frage: Lerne ich nochmal etwas Neues oder wage ich die Selbstständigkeit?
Ich entschied mich für Letzteres.
Damals lebten wir in Leipzig und diese Zeit war unglaublich prägend für mich. Ich durfte mich in einer neuen Stadt neu finden. Mich organisieren. Ein soziales Netzwerk aufbauen. Beruflich wachsen. Und ich blühte regelrecht auf.
Ganz bewusst hielt ich damals Ausschau nach hochsensiblen Menschen. Nach Menschen, die ähnlich fühlten wie ich. Und plötzlich fühlte sich vieles leicht an, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte, wirklich angekommen zu sein.
Ich konnte meine Arbeit selbst gestalten. Pausen machen, wenn ich sie brauchte. Eigene Strukturen entwickeln. Und interessanterweise war ADHS in dieser Phase kaum noch Thema.
Über viele Jahre hatte ich für mich einen Weg gefunden, gut mit meinem ADHS zu leben. Ich hatte Strategien entwickelt, die zu mir passten. Mein Umfeld entsprechend gestaltet. Ich brauchte keine Medikamente und hatte nicht das Gefühl, gegen mich selbst kämpfen zu müssen.
Deshalb trifft mich diese Phase heute vielleicht auch besonders. Nicht, weil plötzlich alles anders ist – sondern weil Dinge, die über viele Jahre funktioniert haben, auf einmal nicht mehr dieselbe Wirkung haben. Und weil ich merke, dass ich erneut lernen darf, mein Leben an veränderte Bedingungen anzupassen.
Als ADHS wieder lauter wurde
Erst viele Jahre später, in meinen 40ern, wurde es wieder lauter.
Interessanterweise traten damals wieder Menschen in mein Leben, die mich immer wieder fragten: „Hast du eigentlich mal an ADHS gedacht?“ Und jedes Mal machte mich diese Frage wütend.
Weil ich es nicht haben wollte.
Heute verstehe ich, dass dahinter vermutlich Angst lag. Angst davor, wieder in eine Kategorie gepackt zu werden.
Irgendwann kam aber der Punkt, an dem ich es nicht mehr leugnen konnte. Und vielleicht musste ich es auch gar nicht mehr leugnen. Vielleicht durfte es einfach ein Teil von mir sein.
Frauen, ADHS und die vielen Missverständnisse
Später kamen dann weitere Kolleginnen, Bekannte und Freundinnen in mein Leben – Psychologinnen, Coaches, neurodivergente Frauen, Menschen aus dem autistischen Spektrum. Und plötzlich öffneten sich neue Räume für Austausch und Verständnis.
Eine liebe Freundin von mir befindet sich selbst im autistischen Spektrum und natürlich begann ich auch dort genauer hinzusehen. Ich kann bis heute nicht komplett ausschließen, dass auch dort Anteile vorhanden sind. Gleichzeitig erkenne ich mich überwiegend eher im ADHS wieder.
Denn viele Menschen denken bei ADHS immer noch nur an das stereotype Bild von Hyperaktivität. Dabei können gerade Frauen sehr introvertiert wirken. Sehr reflektiert. Sehr angepasst. Und trotzdem innerlich permanent unter Strom stehen.
Und dann kam die Perimenopause
Und plötzlich ergaben viele Dinge noch einmal auf eine ganz andere Weise Sinn.
Viele Frauen erleben in der Perimenopause plötzlich Symptome, die sie sich lange nicht erklären konnten. Manche erhalten in dieser Lebensphase erstmals eine ADHS-Diagnose. Andere stellen fest, dass Strategien, die jahrzehntelang funktioniert haben, plötzlich nicht mehr greifen.
Vielleicht erkennst du dich hier wieder:
Reizoffenheit und schnellere Überforderung
Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder intensive Gespräche (Meetings, Feste, Cafés…) können plötzlich deutlich anstrengender werden. Viele Frauen beschreiben es, als würde der innere Reizfilter nicht mehr so zuverlässig arbeiten wie früher. Das Nervensystem scheint schneller an seine Grenzen zu kommen und Erholung wird wichtiger als noch vor einigen Jahren.
Brain Fog und Konzentrationsprobleme
Gedanken reißen ab. Worte fehlen. Termine werden vergessen. Viele Frauen beschreiben das Gefühl, als hätten sie Watte im Kopf. Nicht alles davon ist automatisch hormonbedingt – auch ADHS-Symptome können sich in dieser Phase verstärken.
Innere Unruhe
Obwohl der Körper erschöpft ist, kommt das Nervensystem nicht richtig zur Ruhe. Gedanken kreisen und Entspannung fällt schwer.
Schlafprobleme
Einschlafen fällt schwerer, nächtliches Aufwachen wird häufiger oder der Schlaf fühlt sich weniger erholsam an. Gerade die Kombination aus hormonellen Veränderungen, Stressbelastung und einem ohnehin aktiven ADHS-Gehirn kann dazu führen, dass das Nervensystem nachts nicht mehr so leicht abschaltet.
Organisation kostet plötzlich mehr Kraft
Strukturen, die früher funktioniert haben, scheinen nicht mehr auszureichen. Planung, Zeitmanagement und Alltagsorganisation werden anstrengender.
Mehr Prokrastination und Entscheidungsblockaden
Aufgaben werden aufgeschoben, obwohl man sie erledigen möchte. Selbst kleine Entscheidungen können plötzlich unverhältnismäßig viel Energie kosten.
Maskierung wird schwieriger
Viele Frauen haben ihr Leben lang gelernt, sich anzupassen und ihre Herausforderungen zu kompensieren. In der Perimenopause fehlt dafür oft die Energie. Strategien, die jahrzehntelang funktioniert haben, greifen nicht mehr so zuverlässig.
Emotionen werden intensiver
Frustration, Gereiztheit, Überforderung oder Traurigkeit können schneller auftreten und schwerer regulierbar sein.
Wenn du dich in mehreren dieser Punkte wiedererkennst, könnte es sich lohnen, das Zusammenspiel von Neurodivergenz und hormonellen Veränderungen einmal genauer anzuschauen.
Was hormonelle Veränderungen mit ADHS machen können
Denn mittlerweile weiß man, dass hormonelle Veränderungen ADHS-Symptome deutlich verstärken können. Vor allem die Schwankungen von Östrogen spielen dabei eine wichtige Rolle. Östrogen beeinflusst unter anderem Dopamin – und Dopamin wiederum ist eng mit ADHS verbunden.
Das bedeutet: Wenn der Östrogenspiegel schwankt oder absinkt, kann sich das auch massiv auf Konzentration, Reizverarbeitung, emotionale Regulation und Stressbelastung auswirken.
Ich stelle mir das oft wie ein großes System aus Dominosteinen vor. Sobald sich ein Teil verändert, gerät das ganze System in Bewegung.
Und genau so fühlt sich Perimenopause für mich an.
Wenn alte Strategien plötzlich nicht mehr greifen
Meine ohnehin schon starke Reizoffenheit ist noch intensiver geworden. Als würde jemand bei einem Radio die Lautstärke höher drehen. Geräusche. Licht. Emotionen. Stress. Alles kommt ungefilterter an.
Und plötzlich darf ich neue Grenzen finden.
Grenzen, die ich früher vielleicht noch überschreiten konnte, ohne sofort zu crashen.
Mittlerweile merke ich außerdem, wie viele weitere Faktoren mit hineinspielen: Insulin. Cortisol. Histamin. Entzündungsprozesse. Meine Haut reagiert plötzlich extrem empfindlich. Dinge, die früher funktioniert haben, funktionieren nicht mehr. Der Körper reagiert schneller, intensiver, sensibler.
Es fühlt sich manchmal wirklich an wie ein großes biologisches Zusammenspiel, bei dem sich permanent einzelne Komponenten verschieben.
Die Rolle der eigenen Forschung
Und ja, manchmal treibt mich das auch in die Verzweiflung.
Gleichzeitig habe ich aber immer noch diesen starken inneren Antrieb, verstehen zu wollen. Lösungen zu finden. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere Frauen.
Und wahrscheinlich ist genau das meine Aufgabe darin.
Denn ich merke immer wieder: Viele Frauen fühlen sich unglaublich allein mit diesen Themen. Auch im medizinischen System.
Ich war erst diese Woche wieder bei meiner Hausärztin. Blutwerte. Gespräche. Aber oft fehlen selbst mir die Worte, um all diese komplexen Zusammenhänge überhaupt verständlich zu erklären. Und häufig entsteht dabei dieses Gefühl: Man ist nicht „krank genug“, um wirklich ernst genommen zu werden – und gleichzeitig belastet genug, um professionelle Hilfe zu benötigen.
Also wird man wieder zur eigenen Forscherin.
Und ehrlich gesagt mache ich das sogar sehr gerne.
Weil ich weiss, warum ich es tue.
Ich möchte verstehen. Lernen. Teilen.
Neue Wege denken
Aktuell überlege ich tatsächlich auch, ob ich mich nochmal neurologisch beraten lasse und eventuell ADHS-Medikamente ausprobiere. Das ist für mich kein leichter Gedanke, weil ich mein Leben lang gelernt habe, mich selbst zu regulieren. Gleichzeitig frage ich mich aber auch: Wenn es etwas gibt, das mein System entlasten könnte – warum sollte ich mir diese Möglichkeit verwehren?
Und genau das ist vermutlich die Realität der Perimenopause: ein ständiges Neujustieren. Ausprobieren. Hinspüren.
Ob bioidentische Hormone, Nahrungsergänzungsmittel, Ernährung, Nervensystemarbeit oder vielleicht auch Medikamente – viele Frauen bewegen sich irgendwann durch diesen Dschungel aus Möglichkeiten und versuchen herauszufinden, was ihnen wirklich guttut.
Du bist nicht allein
Ich werde weiter berichten.
Und ich hoffe, dass du aus meinen Worten vielleicht vor allem eines mitnehmen kannst: Du bist nicht alleine.
Es wurde viel zu lange zu wenig über diese Themen gesprochen. Über hormonelle Veränderungen. Über Neurodivergenz bei Frauen. Über Erschöpfung. Über Reizoffenheit. Über das Gefühl, plötzlich nicht mehr so zu funktionieren wie früher.
Es ist Zeit, dass wir anfangen, ehrlicher darüber zu sprechen und uns gegenseitig zu unterstützen.
Und wenn du tiefer in deine eigene Geschichte eintauchen möchtest und dir eine empathische Coaching Begleitung wünschst, dann melde dich gerne bei mir. Dann schauen wir gemeinsam und in Ruhe auf dein Thema.
Herzlichst
Jasmin

