Perimenopause und ADHS

ADHS in der Perimenopause

In den letzten, sehr heißen Tagen ist mir eines wieder bewusst geworden: Die Perimenopause ist keine kurze Phase, die einfach nach einem Jahr wieder verschwindet. Sie ist ein längerer Übergang im Leben einer Frau – körperlich, emotional, neurologisch.

Grob spricht man von mehreren Phasen: einer frühen hormonellen Veränderungsphase, die teilweise schon Mitte bis Ende 30 beginnen kann, der eigentlichen Perimenopause, die oft um die 40 spürbarer wird und mehrere Jahre andauern kann, bis schließlich die Menopause eintritt. Danach beginnt die Postmenopause – und auch das ist wieder eine eigene Lebensphase. Der Körper verändert sich also nicht plötzlich an einem Tag, sondern über viele Jahre hinweg.

 

Warum ich meine Erfahrungen öffentlich teile

Ich bin ein sehr transparenter Mensch und genau das ist mir wichtig. Ich möchte Menschen nicht nur fertige Lösungen präsentieren. Natürlich wäre es einfacher zu sagen: „Ich habe das alles bereits durchlebt und weiß jetzt genau, wie es funktioniert.“ Aber ich glaube, dass etwas sehr Wertvolles darin liegt, Erkenntnisse direkt aus dem Erleben heraus zu teilen. Nicht aus der Distanz. Sondern mitten aus dem Prozess.

Denn wie du vielleicht schon aus meinen vorherigen Texten mitbekommen hast, ist die Perimenopause eine Phase voller Schwankungen. Gerade hormonell läuft vieles nicht linear. Mal scheint alles stabil, dann verändert sich wieder etwas. Neue Symptome tauchen auf, alte verstärken sich oder verschwinden plötzlich wieder. Und manchmal fühlt es sich ehrlich gesagt auch überfordernd an, weil man sich fragt: Was kommt denn jetzt noch dazu?

Aber ich werde nicht müde, Detektivin zu sein. In meinen Körper hineinzuhorchen. Fachberichte zu lesen. Mich mit anderen Frauen auszutauschen. Mit Ärzten, mit Selbsthilfegruppen, mit KI, mit Menschen, die ähnliche Wege gehen. Nicht, weil ich glaube, die eine perfekte Lösung zu finden – sondern weil ich überzeugt bin, dass Wissen verbindet und Orientierung geben kann.

Und natürlich wird jede Frau ihren eigenen Weg finden müssen. Aber wenn jemand vor dir bereits durch einen Teil dieses Dschungels gegangen ist, dann kann das unglaublich entlastend sein.

 

Ein Thema, das mich mein Leben lang begleitet: ADHS

Vor vielen Jahren habe ich bereits eine Diagnose erhalten. Und wahrscheinlich werden manche jetzt überrascht sein, wie „leicht“ das damals scheinbar ging, während heute viele Frauen jahrelang auf Diagnostik warten. Das Paradoxe war allerdings: Ich wollte diese Diagnose damals überhaupt nicht annehmen.

Für mich fühlte es sich an wie noch ein weiterer Stempel. Noch eine weitere Schublade. Ich hatte mich damals mit dem Begriff Hochsensibilität viel wohler gefühlt. Das erklärte für mich vieles und fühlte sich weicher an, menschlicher vielleicht.

Natürlich gab es trotzdem immer wieder Situationen im Leben, in denen ich gemerkt habe, dass da noch mehr dahintersteckt. Vor allem im Arbeitskontext. Konzentration. Fehler. Überforderung. Und vor allem der Umgang mit Fehlern.

Ich habe früh erlebt, wie hart unsere Gesellschaft mit Fehlern umgeht. Wie wenig Raum manche Systeme für Andersartigkeit lassen. Das war für mich ein schmerzhafter Prozess, weil ich immer dachte: Ich bin doch trotzdem ein wertvoller Mensch, auch wenn mir Fehler passieren.

Letztendlich führte mich genau das in die Selbstständigkeit. Rückblickend war das für mich ein riesiger Segen.

 

Warum Selbstständigkeit für mich ein Geschenk war

Finanziell ist Selbstständigkeit sicherlich nicht immer der einfachste Weg – gerade nicht für neurodivergente Menschen. Viele von uns passen nicht in klassische Strukturen und müssen deshalb erst herausfinden: Wie möchte ich eigentlich arbeiten? Wie kann Arbeit zu meinem Nervensystem passen?

Damals, kurz nach meinem Studium im Bereich Grafikdesign, hatte ich zwei feste Stellen hinter mir und merkte relativ schnell: Ich passe nicht in diese Systeme. Immer wieder gab es Reibung mit Hierarchien, mit Führungsstrukturen, mit starren Erwartungen.

Das stürzte mich damals in eine tiefe Krise. Denn plötzlich hatte ich meinen Traumberuf – und gleichzeitig das Gefühl, ihn gar nicht ausüben zu können.

Also stand ich vor der Frage: Lerne ich nochmal etwas Neues oder wage ich die Selbstständigkeit?

Ich entschied mich für Letzteres.

Damals lebten wir in Leipzig und diese Zeit war unglaublich prägend für mich. Ich durfte mich in einer neuen Stadt neu finden. Mich organisieren. Ein soziales Netzwerk aufbauen. Beruflich wachsen. Und ich blühte regelrecht auf.

Ganz bewusst hielt ich damals Ausschau nach hochsensiblen Menschen. Nach Menschen, die ähnlich fühlten wie ich. Und plötzlich fühlte sich vieles leicht an, weil ich das erste Mal das Gefühl hatte, wirklich angekommen zu sein.

Ich konnte meine Arbeit selbst gestalten. Pausen machen, wenn ich sie brauchte. Eigene Strukturen entwickeln. Und interessanterweise war ADHS in dieser Phase kaum noch Thema.

Über viele Jahre hatte ich für mich einen Weg gefunden, gut mit meinem ADHS zu leben. Ich hatte Strategien entwickelt, die zu mir passten. Mein Umfeld entsprechend gestaltet. Ich brauchte keine Medikamente und hatte das Gefühl, gut mit mir und meinem ADHS im Einklang zu sein.

Deshalb trifft mich diese Phase heute vielleicht auch besonders. Nicht, weil plötzlich alles anders ist – sondern weil Dinge, die über viele Jahre funktioniert haben, auf einmal nicht mehr dieselbe Wirkung haben. Und weil ich merke, dass ich erneut lernen darf, mein Leben an veränderte Bedingungen anzupassen.

 

Als ADHS wieder lauter wurde

Erst viele Jahre später, in meinen 40ern,  wurde es wieder lauter.

Interessanterweise traten damals wieder Menschen in mein Leben, die mich immer wieder fragten: „Hast du eigentlich mal an ADHS gedacht?“ Und jedes Mal machte mich diese Frage wütend.

Weil ich es nicht haben wollte.

Heute verstehe ich, dass dahinter vermutlich Angst lag. Angst davor, dass ich mir all die Jahre vielleicht selbst etwas vorgemacht hatte.

Irgendwann kam aber der Punkt, an dem ich es nicht mehr leugnen konnte. Und vielleicht musste ich es auch gar nicht mehr leugnen. Vielleicht durfte es einfach ein Teil von mir sein.

 

Frauen, ADHS und die vielen Missverständnisse

Später kamen dann weitere Kolleginnen, Bekannte und Freundinnen in mein Leben – Psychologinnen, Coaches, neurodivergente Frauen, Menschen aus dem autistischen Spektrum. Und plötzlich öffneten sich neue Räume für Austausch und Verständnis.

Eine liebe Freundin von mir befindet sich selbst im autistischen Spektrum und natürlich begann ich auch dort genauer hinzusehen. Ich kann bis heute nicht komplett ausschließen, dass auch dort Anteile vorhanden sind. Gleichzeitig erkenne ich mich überwiegend eher im ADHS wieder.

Denn viele Menschen denken bei ADHS immer noch nur an das stereotype Bild von Hyperaktivität. Dabei können gerade Frauen sehr introvertiert wirken. Sehr reflektiert. Sehr angepasst. Und trotzdem innerlich permanent unter Strom stehen.

 

Und dann kam die Perimenopause

Und plötzlich ergaben viele Dinge noch einmal auf eine ganz andere Weise Sinn.

Viele Frauen erleben in der Perimenopause plötzlich Symptome, die sie sich lange nicht erklären konnten. Manche erhalten in dieser Lebensphase erstmals eine ADHS-Diagnose. Andere stellen fest, dass Strategien, die jahrzehntelang funktioniert haben, plötzlich nicht mehr greifen.

 

Vielleicht erkennst du dich hier wieder:

Reizoffenheit und schnellere Überforderung

Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen oder intensive Gespräche (Meetings, Feste, Cafés…) können plötzlich deutlich anstrengender werden. Viele Frauen beschreiben es, als würde der innere Reizfilter nicht mehr so zuverlässig arbeiten wie früher. Das Nervensystem scheint schneller an seine Grenzen zu kommen und Erholung wird wichtiger als noch vor einigen Jahren.

 

Brain Fog und Konzentrationsprobleme

Gedanken reißen ab. Worte fehlen. Termine werden vergessen. Viele Frauen beschreiben das Gefühl, als hätten sie Watte im Kopf. Nicht alles davon ist automatisch hormonbedingt – auch ADHS-Symptome können sich in dieser Phase verstärken.

 

Innere Unruhe

Obwohl der Körper erschöpft ist, kommt das Nervensystem nicht richtig zur Ruhe. Gedanken kreisen und Entspannung fällt schwer.

 

Schlafprobleme

Einschlafen fällt schwerer, nächtliches Aufwachen wird häufiger oder der Schlaf fühlt sich weniger erholsam an. Gerade die Kombination aus hormonellen Veränderungen, Stressbelastung und einem ohnehin aktiven ADHS-Gehirn kann dazu führen, dass das Nervensystem nachts nicht mehr so leicht abschaltet.

 

Organisation kostet plötzlich mehr Kraft

Strukturen, die früher funktioniert haben, scheinen nicht mehr auszureichen. Planung, Zeitmanagement und Alltagsorganisation werden anstrengender.

 

Mehr Prokrastination und Entscheidungsblockaden

Aufgaben werden aufgeschoben, obwohl man sie erledigen möchte. Selbst kleine Entscheidungen können plötzlich unverhältnismäßig viel Energie kosten.

 

Maskierung wird schwieriger

Viele Frauen haben ihr Leben lang gelernt, sich anzupassen und ihre Herausforderungen zu kompensieren. In der Perimenopause fehlt dafür oft die Energie. Strategien, die jahrzehntelang funktioniert haben, greifen nicht mehr so zuverlässig.

 

Emotionen werden intensiver

Frustration, Gereiztheit, Überforderung oder Traurigkeit können schneller auftreten und schwerer regulierbar sein.

Wenn du dich in mehreren dieser Punkte wiedererkennst, könnte es sich lohnen, das Zusammenspiel von Neurodivergenz und hormonellen Veränderungen einmal genauer anzuschauen.

 

Was hormonelle Veränderungen mit ADHS machen können

Denn mittlerweile weiß man, dass hormonelle Veränderungen ADHS-Symptome deutlich verstärken können. Vor allem die Schwankungen von Östrogen spielen dabei eine wichtige Rolle. Östrogen beeinflusst unter anderem Dopamin – und Dopamin wiederum ist eng mit ADHS verbunden.

Das bedeutet: Wenn der Östrogenspiegel schwankt oder absinkt, kann sich das auch massiv auf Konzentration, Reizverarbeitung, emotionale Regulation und Stressbelastung auswirken.

Ich stelle mir das oft wie ein großes System aus Dominosteinen vor. Sobald sich ein Teil verändert, gerät das ganze System in Bewegung.

Und genau so fühlt sich Perimenopause für mich an.

 

Wenn alte Strategien plötzlich nicht mehr greifen

Meine ohnehin schon starke Reizoffenheit ist noch intensiver geworden. Als würde jemand bei einem Radio die Lautstärke höher drehen. Geräusche. Licht. Emotionen. Stress. Alles kommt ungefilterter an.

Und plötzlich darf ich neue Grenzen finden.

Grenzen, die ich früher vielleicht noch überschreiten konnte, ohne sofort zu crashen.

Mittlerweile merke ich außerdem, wie viele weitere Faktoren mit hineinspielen: Insulin. Cortisol. Histamin. Entzündungsprozesse. Meine Haut reagiert plötzlich extrem empfindlich. Dinge, die früher funktioniert haben, funktionieren nicht mehr. Der Körper reagiert schneller, intensiver, sensibler.

Es fühlt sich manchmal wirklich an wie ein großes biologisches Zusammenspiel, bei dem sich permanent einzelne Komponenten verschieben.

 

Die Rolle der eigenen Forschung

Und ja, manchmal treibt mich das auch in die Verzweiflung.

Gleichzeitig habe ich aber immer noch diesen starken inneren Antrieb, verstehen zu wollen. Lösungen zu finden. Nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere Frauen.

Und wahrscheinlich ist genau das meine Aufgabe darin.

Denn ich merke immer wieder: Viele Frauen fühlen sich unglaublich allein mit diesen Themen. Auch im medizinischen System.

Ich war erst diese Woche wieder bei meiner Hausärztin. Blutwerte. Gespräche. Aber oft fehlen selbst mir die Worte, um all diese komplexen Zusammenhänge überhaupt verständlich zu erklären. Und häufig entsteht dabei dieses Gefühl: Man ist nicht „krank genug“, um wirklich ernst genommen zu werden – und gleichzeitig belastet genug, um professionelle Hilfe zu benötigen.

Also wird man wieder zur eigenen Forscherin.

Und ehrlich gesagt mache ich das sogar sehr gerne.

Weil ich weiss, warum ich es tue.

Ich möchte verstehen. Lernen. Teilen.

 

Neue Wege denken

Aktuell überlege ich tatsächlich auch, ob ich mich nochmal neurologisch beraten lasse und eventuell ADHS-Medikamente ausprobiere. Das ist für mich kein leichter Gedanke, weil ich mein Leben lang gelernt habe, mich selbst zu regulieren. Gleichzeitig frage ich mich aber auch: Wenn es etwas gibt, das mein System entlasten könnte – warum sollte ich mir diese Möglichkeit verwehren?

Und genau das ist vermutlich die Realität der Perimenopause: ein ständiges Neujustieren. Ausprobieren. Hinspüren.

Ob bioidentische Hormone, Nahrungsergänzungsmittel, Ernährung, Nervensystemarbeit oder vielleicht auch Medikamente – viele Frauen bewegen sich irgendwann durch diesen Dschungel aus Möglichkeiten und versuchen herauszufinden, was ihnen wirklich guttut.

 

Du bist nicht allein 

Ich werde weiter berichten.

Und ich hoffe, dass du aus meinen Worten vielleicht vor allem eines mitnehmen kannst: Du bist nicht alleine.

Es wurde viel zu lange zu wenig über diese Themen gesprochen. Über hormonelle Veränderungen. Über Neurodivergenz bei Frauen. Über Erschöpfung. Über Reizoffenheit. Über das Gefühl, plötzlich nicht mehr so zu funktionieren wie früher.

Es ist Zeit, dass wir anfangen, ehrlicher darüber zu sprechen und uns gegenseitig zu unterstützen.

Und wenn du tiefer in deine eigene Geschichte eintauchen möchtest und dir eine empathische Coaching Begleitung wünschst, dann melde dich gerne bei mir. Dann schauen wir gemeinsam und in Ruhe auf dein Thema.

Herzlichst
Jasmin

…Sondern dein Gehirn funktioniert einfach anders

Vielleicht fragst du dich dein Leben lang schon, warum du irgendwie anders bist.

Warum du anders denkst als viele Menschen in deinem Umfeld. Warum du vieles viel intensiver fühlst. Warum dich Geräusche, Gerüche, Licht oder die Stimmung anderer Menschen manchmal regelrecht überwältigen können, während andere scheinbar mühelos ihren Alltag meistern. Warum du Gespräche stundenlang nachdenkst, Zusammenhänge erkennst, die anderen gar nicht auffallen, und gleichzeitig manchmal an den einfachsten Alltagsaufgaben verzweifelst.

Vielleicht hast du dein Leben lang das Gefühl gehabt, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt.

An dieser Stelle möchte ich dir erst einmal etwas sagen, was ich selbst viele Jahre gebraucht habe, um wirklich glauben zu können:

Mit dir ist nichts falsch.

Vielleicht gehörst du einfach zu den Menschen, deren Gehirn Informationen anders verarbeitet als das der Mehrheit.

Ich nutze heute ganz bewusst den Begriff Neurodivergenz, weil ich mich selbst in diesem Spektrum wiederfinde und dieses Thema mich mittlerweile schon viele Jahre begleitet – persönlich ebenso wie in meiner Arbeit als Coach.

 

Von der Hochsensibilität zur Neurodivergenz

Wer mir schon länger folgt, weiß, dass ich mich viele Jahre intensiv mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigt habe.

Ich habe Bücher gelesen, Seminare besucht, mich ausgetauscht, sogar selbst eine Gruppe für hochsensible Menschen geleitet, als ich noch in Leipzig lebte. Damals war die Hochsensibilität für mich endlich eine Erklärung dafür, warum ich die Welt so wahrnehme, wie ich sie eben wahrnehme.

Und ich glaube auch heute noch, dass Hochsensibilität ein sehr hilfreiches Konzept ist.

Gleichzeitig hat sich mein Blick in den letzten Jahren verändert.

Es gibt mittlerweile immer mehr Fachleute, Forscher und auch Betroffene, die vermuten, dass Hochsensibilität möglicherweise gar kein eigenständiges Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern vielmehr häufig im Zusammenhang mit Neurodivergenz auftritt. Einen wissenschaftlichen Konsens gibt es dazu bislang nicht – und genau deshalb möchte ich hier auch keine endgültige Wahrheit verkünden.

Ich möchte vielmehr meine Beobachtungen mit dir teilen.

Wenn ich heute auf all die hochsensiblen Menschen zurückblicke, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, erkenne ich bei vielen rückblickend Merkmale, die ebenso gut zu einer Neurodivergenz passen könnten. Natürlich ersetzt das keine Diagnose und ist auch keine Bewertung. Es ist lediglich etwas, das mir über die Jahre immer häufiger aufgefallen ist.

Vielleicht gibt es Hochsensibilität unabhängig von Neurodivergenz. Vielleicht ist sie bei vielen Menschen aber auch Ausdruck einer anderen Art, Informationen wahrzunehmen und zu verarbeiten.

Ich persönlich bin inzwischen eher bei letzterem Gedanken angekommen – ohne dabei zu behaupten, dass dies bereits wissenschaftlich bewiesen wäre.

 

Meine eigene Reise

Vor fast zwanzig Jahren erhielt ich die Diagnose ADHS. Damals war ich ehrlich gesagt alles andere als erleichtert, denn ich wollte keinen weiteren Stempel.

Wenn man beginnt, sich intensiv mit Persönlichkeitsentwicklung, Psychologie oder therapeutischer Arbeit auseinanderzusetzen, begegnet man ohnehin schon vielen Begriffen und Schubladen. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich nicht noch eine weitere brauchte.

Also legte ich die Diagnose innerlich erst einmal beiseite.

Heute sehe ich das vollkommen anders. Nicht, weil ich mich über eine Diagnose definiere, sondern weil ich verstanden habe, dass Neurodivergenz keine Krankheit ist.

Es geht nicht darum, dass etwas kaputt ist. Es geht darum, dass unser Gehirn auf neurobiologischer Ebene Informationen anders verarbeitet.

Und dieser Perspektivwechsel hat für mich unglaublich viel verändert.

 

Was bedeutet Neurodivergenz eigentlich?

Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren Gehirn anders funktioniert als das der sogenannten neurotypischen Mehrheit.

Dazu zählen unter anderem ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie oder auch Hochbegabung. Viele Menschen bewegen sich dabei irgendwo innerhalb dieses Spektrums und bringen unterschiedliche Ausprägungen mit.

Wie viele Menschen neurodivergent sind, lässt sich nicht genau sagen. Je nach Definition variieren die Zahlen. Häufig ist von etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung die Rede. Gleichzeitig vermuten viele Fachleute, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen könnte – insbesondere deshalb, weil ADHS und Autismus bei Frauen jahrzehntelang massiv unterdiagnostiziert wurden.

Frauen lernen häufig schon sehr früh, sich anzupassen.

> Sie beobachten andere

> Sie übernehmen soziale Regeln

> Sie unterdrücken ihre Impulse

> Sie funktionieren

In der Fachwelt spricht man dabei vom sogenannten Masking.

Von außen wirken viele Frauen deshalb unauffällig, obwohl sie innerlich permanent damit beschäftigt sind, sich an eine Welt anzupassen, die nicht für ihre Art zu denken gemacht wurde.

Und genau diese permanente Anpassungsleistung kostet unglaublich viel Energie.

 

Eine andere Art zu denken

Ein Bild hat mir persönlich sehr geholfen, meine Denkweise zu verstehen.

Natürlich ist jedes Gehirn individuell und solche Modelle vereinfachen immer ein Stück weit.

Aber stell dir einmal vor, ein neurotypisches Gehirn bewegt sich häufig Schritt für Schritt.

Von A nach B.

Von C nach D.

Unser gesamtes Schul- und Arbeitssystem orientiert sich weitgehend an dieser linearen Denkweise.

Ein neurodivergentes Gehirn arbeitet oft ganz anders.

Von A nach C.

Von dort nach Z.

Dann plötzlich wieder zurück zu A.

Dann fällt noch etwas zu M ein.

Und plötzlich ergibt alles auf einmal ein großes Gesamtbild.

Viele Menschen mit ADHS oder anderen Formen der Neurodivergenz kennen genau dieses Erleben.

Vielleicht kennst du das auch aus Gesprächen. Du erzählst etwas, springst scheinbar mitten im Satz zu einem anderen Thema und landest am Ende doch wieder genau dort, wo du angefangen hast. Andere fragen sich manchmal: “Wie kommt sie denn jetzt darauf?”

Für dich ergibt es vollkommen Sinn, denn dein Gehirn arbeitet nicht linear. Es arbeitet vernetzt, holistisch. Es erkennt Zusammenhänge oft lange bevor sie ausgesprochen werden.

 

Was Neurodivergenz ausmachen kann

Diese andere Art der Informationsverarbeitung zeigt sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Viele neurodivergente Menschen nehmen Reize intensiver wahr. Geräusche, Gerüche, Licht, Berührungen oder die Stimmung anderer Menschen dringen oft ungefiltert ins Bewusstsein. Das Gehirn sortiert weniger aus – und genau deshalb kann ein ganz normaler Alltag irgendwann unglaublich anstrengend werden.

Auch Emotionen werden häufig intensiver erlebt. Freude kann überwältigend sein. Begeisterung ebenso. Aber auch Kritik, Konflikte oder Zurückweisung treffen oft viel tiefer, als Außenstehende nachvollziehen können.

Hinzu kommen häufig Schwierigkeiten mit den sogenannten exekutiven Funktionen. Planen, Prioritäten setzen, Aufgaben beginnen oder abschließen, Zeit realistisch einschätzen oder den Überblick behalten – all das kostet oft deutlich mehr Kraft, obwohl von außen häufig das Gegenteil vermutet wird.

Gleichzeitig steckt in genau dieser anderen Art zu denken auch unglaublich viel Potenzial.

Viele neurodivergente Menschen sind außergewöhnlich kreativ.

> Sie erkennen Muster

> Sie verknüpfen Wissen miteinander

> Sie entwickeln neue Ideen

> Sie hinterfragen Bestehendes

Sie besitzen häufig einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und können sich mit großer Leidenschaft in Themen vertiefen, die sie wirklich interessieren.

Ich bin heute der Meinung, dass genau diese Fähigkeiten unsere Welt braucht.

 

“Ich bin doch gar nicht kreativ…”

Vielleicht denkst du jetzt gerade: “Das trifft auf mich überhaupt nicht zu.”

Das höre ich tatsächlich häufig, bei Frauen, die viele Jahre versucht haben zu funktionieren. Sie haben oft den Zugang zu ihren eigenen Stärken verloren.

Ich selbst dachte als Kind lange, ich sei eher langsam, nicht besonders intelligent. Ich brauchte für viele Dinge mehr Zeit als andere.

Heute weiß ich, dass ich nicht langsamer war, sondern dass mein Gehirn Informationen einfach gründlicher verarbeitet. Es wollte Zusammenhänge verstehen und es wollte alles miteinander verknüpfen. Und genau das braucht manchmal eben etwas länger.

Das Ergebnis ist dafür häufig sehr differenziert, kreativ und ganzheitlich.

 

Das eigentliche Problem ist oft nicht die Neurodivergenz

Ich glaube, viele Schwierigkeiten entstehen gar nicht durch die Neurodivergenz selbst, sondern dadurch, dass wir versuchen, in einem System zu funktionieren, das überwiegend für neurotypische Menschen entwickelt wurde.

Schule.

Ausbildung.

Arbeitswelt.

Gesellschaftliche Erwartungen.

Überall wird häufig dieselbe Art zu lernen, zu denken und zu arbeiten vorausgesetzt.

Kein Wunder also, dass viele neurodivergente Menschen irgendwann glauben, sie seien falsch.

Dabei brauchen sie oft gar keine Veränderung ihrer Persönlichkeit – sie brauchen Verständnis, passende Strategien und Räume, in denen sie ihre Stärken tatsächlich leben dürfen.

 

Mein Wunsch für die Zukunft

Ich habe das Gefühl, dass sich gerade etwas bewegt.

Es wird mehr geforscht, mehr gesprochen, mehr aufgeklärt.

Eine liebe Freundin von mir arbeitet beispielsweise an der Universität. Dort wurde ein Netzwerk gegründet, das sich gezielt mit Neurodiversität beschäftigt und innerhalb der Universität Aufklärungsarbeit leistet. Solche Entwicklungen machen mir Hoffnung.

Denn genau das wünsche ich mir – mehr Verständnis, mehr Sichtbarkeit, mehr Akzeptanz.

Und vor allem mehr Räume, in denen neurodivergente Menschen nicht lernen müssen, sich ständig anzupassen, sondern ihre besonderen Fähigkeiten entfalten dürfen.

 

Mein Beitrag mit meiner Arbeit

Auch ich möchte mit meiner Arbeit einen kleinen Beitrag dazu leisten. Deshalb begleite ich in meinen Coachings ganz bewusst viele feinfühlige, hochsensible und neurodivergente Frauen.

Nicht, um Diagnosen zu stellen – das gehört selbstverständlich in die Hände entsprechend qualifizierter Fachpersonen, sondern um gemeinsam hinzuschauen:

> Zusammenhänge zu erkennen

> Eigene Bedürfnisse besser zu verstehen

> Strategien für den Alltag zu entwickeln

> Und vor allem, um wieder Vertrauen in die eigene Art zu denken, zu fühlen und zu sein zu finden

Gerade weil ich selbst diesen Weg gegangen bin, kenne ich viele der Fragen, Zweifel und inneren Kämpfe aus eigener Erfahrung.

Denn um genau das geht es. Es geht nicht darum, jemand anderes zu werden, sondern endlich zu verstehen, warum man schon immer anders war – und zu erkennen, dass genau darin oft die größte Stärke liegt.

Herzlichst Jasmin